Zum Inhalt springen
Startseite » Die vergessene Top-Managerin: Ein Blick hinter die Kulissen eines Coaching-Gesprächs

Die vergessene Top-Managerin: Ein Blick hinter die Kulissen eines Coaching-Gesprächs

Viele internationale Fachkräfte haben gute Deutschkenntnisse und trotzdem fällt es ihnen schwer, selbstbewusst auf Deutsch zu kommunizieren. Sie kennen die Grammatik, sie haben Zertifikate – aber in Gesprächen fühlen sie sich plötzlich unsicher, sprechen langsamer oder verlieren den roten Faden. In diesem Artikel zeige ich anhand eines echten Coaching-Gesprächs aus meinem Kurs „Sichere Kommunikation“, warum dieses Problem entsteht – und warum es oft nicht mit der Sprache selbst zu tun hat.

WAS IN EINER EINZIGEN STUNDE PASSIEREN KANN

Im ersten Live-Call mit einer neuen Teilnehmerin aus der Pharma-Branche haben wir zunächst über den Plan unserer Zusammenarbeit gesprochen. Ich habe erklärt, wie unsere drei Monate aufgebaut sind und wie wir im Rahmen des Kurses „Sichere Kommunikation“ arbeiten werden, damit sie Schritt für Schritt lernt, selbstbewusst Deutsch zu sprechen.

Dann habe ich sie gebeten, über ihre beruflichen Ziele zu sprechen. Eigentlich wollte ich nur hören, wie sie formuliert, wie sie spricht, um zu analysieren, was sie bereits gut kann und wo Schwierigkeiten entstehen, die sie daran hindern, selbstbewusst Deutsch zu sprechen. Aber dann passierte etwas sehr Interessantes.

„SOLL JEDER IM LEBEN ERFOLGREICH SEIN?“

Die Teilnehmerin hat nicht mit ihrem Beruf angefangen. Sie hat nicht sofort gesagt, dass sie Ärztin ist oder dass sie einen Job in einem Pharmaunternehmen sucht. Sie hat nicht mit Fakten begonnen. Stattdessen begann sie philosophisch, in einem sehr ruhigen Tonfall, in einem ruhigen Tempo. Sie begann über Erfolg zu sprechen.

Aus ihrer Erzählung wurde klar, dass sie sich gerade sehr intensiv mit ihren eigenen Werten beschäftigt. Denn so wie sie erzählt hat, war sie 20 Jahre im Beruf und hat in ihrem Heimatland wirklich sehr viel erreicht.

Sie war die beste regionale Managerin.
Sie leitete ein großes Team.
Sie hatte Macht.
Sie hatte Geld.

Sie sagte: „Ich war die beste regionale Managerin.“ Doch dann kam der Kontrast. Sie erzählte, dass sie sich in Deutschland im Moment gar nicht wohlfühlt. Sie sagte, dass sie das Gefühl hat, als ob ihr Niveau jetzt viel niedriger sei als früher. Und genau das beschäftigt sie sehr — vor allem, weil es ihr schwerfällt, in dieser neuen Realität selbstbewusst Deutsch zu sprechen.

ZWISCHEN BERUFUNG UND REALITÄT

Sie erzählte weiter, dass sie eigentlich etwas für sich selbst machen möchte. Etwas, das ihr ein gutes Gefühl gibt. Etwas, das für andere Menschen nützlich ist.

Sie ist Osteopathin. Und sie sagte, dass sie eigentlich als Neurologin arbeiten möchte. Doch dann sagte sie plötzlich etwas sehr Ehrliches.

„Ich will einen Job in einem Pharmaunternehmen finden, um Geld zu verdienen.“

Und kurz danach fügte sie hinzu:

„Ich werde diesen Job wahrscheinlich hassen. Also will ich das doch nicht wirklich.“

In diesem Moment wurde klar, was gerade in ihrem Inneren passiert. Sie versteht sehr gut, dass sie sich im Moment bestimmte Dinge noch nicht leisten kann. Sie muss zunächst einen Job annehmen, der vielleicht langweilig ist, nur um Geld zu verdienen, weil sie im Moment nur so ihr Geld verdienen kann. Das Geld, das sie wirklich braucht. In diesem Moment haben wir gemeinsam innegehalten und die Situation zusammengefasst. Und genau diese innere Spannung ist häufig ein Grund, warum Menschen nicht selbstbewusst auf Deutsch kommunizieren können.

EIN PAKT MIT SICH SELBST

Ich habe ihr vorgeschlagen, mit sich selbst einen kleinen Pakt zu schließen. Sich selbst zu versprechen, diesen langweiligen, uninteressanten Job anzunehmen und zu machen, um jetzt gerade Geld zu verdienen. Aber nur für eine bestimmte Zeitperiode. Begrenzte Zeit. Damit sie weiß, dass es irgendwann zu Ende ist.

Und gleichzeitig habe ich ihr empfohlen, diese Zeit zu nutzen, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen: ihre Sprachkenntnisse und ihre Kommunikationskompetenz zu erweitern, damit sie später als Neurologin arbeiten und selbstbewusst auf Deutsch kommunizieren kann. So arbeitet sie parallel in die Richtung, die ihr wirklich wichtig ist. Das war auch für sie logisch und nachvollziehbar.

DER WAHRE GRUND FÜR PERFEKTIONISMUS

Langsam sind wir zu den echten Gründen gekommen, warum sie sich heute so stark kritisiert und ständig an ihrer Grammatik arbeitet und ihren Wortschatz erweitert. Der Grund ist eigentlich sehr einfach. Sie möchte sich wohlfühlen. Und sie möchte, dass andere Menschen sie als Vorbild wahrnehmen. Genau deswegen möchte sie sicher auftreten und selbstbewusst auf Deutsch kommunizieren.

Als ich das laut ausgesprochen habe, reagierte sie sofort.

„Ja. Ja, genau das ist das. Warum habe ich das früher nicht verstanden?“

Und dann kam plötzlich:

„Aber ich muss wahrscheinlich noch mit meinen psychologischen Traumata arbeiten.“

ES GEHT NICHT UM TRAUMATA – ES GEHT UM BEDÜRFNISSE

Ich habe gesagt: Hier geht es gar nicht um Traumata. Es geht um Wünsche. Um Bedürfnisse. Um das, was sie wirklich begehrt. Um das Gefühl, das entsteht, wenn andere Menschen sie ansehen und sagen:

„Wow, sie ist wirklich beeindruckend.“

Dieses Gefühl wärmt ihr Herz. Und genau dieses Gefühl ist der Grund, warum sie sich immer so ins Zeug legt — auch beim Versuch, perfekt zu sprechen und selbstbewusst Deutsch zu sprechen.

Nachdem sie mich zufrieden angelächelt hatte, habe ich noch etwas erwähnt, was sie zunächst kaum glauben konnte.

SPRACHE IST NICHT DAS EINZIGE KOMMUNIKATIONSMITTEL

Ich habe gesagt, dass sie dieses Gefühl auch ohne perfekte Deutschkenntnisse bekommen kann. Sie war überrascht und konnte es kaum glauben. Sie war sogar ein wenig verzweifelt.

Also habe ich ihr erklärt, warum das möglich ist. Denn Kommunikation besteht nicht nur aus Sprache. Sprache ist nur ein Teil der Kommunikation. Wir beeinflussen Menschen auch durch:

  • unsere Energie
  • unseren Tonfall
  • unser Tempo
  • die Struktur unserer Gedanken
  • die Atmosphäre, die wir schaffen

Und genau das hat sie in unserem Gespräch bereits sehr gut gemacht.

Sie hat ihre Geschichte ruhig erzählt, langsam, und hat somit eine besondere Atmosphäre geschaffen. Und plötzlich war auch ich ruhiger und entspannter. Diese Art zu sprechen hat eine Wirkung. Und genau diese Fähigkeit ist ein enormer Wert.

DER WERT, DEN SIE IN EIN UNTERNEHMEN BRINGT

Sie erzählte mir auch von einem Bewerbungsgespräch in einer Arztpraxis. Ich hatte dafür auch ein Beispiel parat.

In einer Arztpraxis ist es oft hektisch. Die Menschen warten lange. Viele sind ungeduldig oder unzufrieden. Wenn sie mit ihrer ruhigen Energie an der Rezeption steht und die Menschen begrüßt, dann verändert sich die Atmosphäre: die Menschen werden ruhiger. Und genau das ist der Wert, den sie mitbringt. Nicht Grammatik. Nicht Wortschatz. Sondern Wirkung.

Viele Menschen erleben beim Wechsel in eine neue Sprache etwas Ähnliches. Ihre starke Persönlichkeit bleibt plötzlich im Hintergrund. Die frühere Version – die kompetente, erfolgreiche Version – steht wie ein Schatten daneben. Ich nenne das oft eine Art Persönlichkeitsspaltung in der Sprache.

DIE AUFGABE UNSERER ZUSAMMENARBEIT

Unsere Aufgabe im Kurs „Sichere Kommunikation“ besteht genau darin, diese Persönlichkeit wieder zu aktivieren. Sich an sie zu erinnern, denn sie ist noch da. Und dann diese beiden Versionen wieder zu verbinden.

Am Ende unseres Gesprächs war etwas sehr deutlich sichtbar. Die Teilnehmerin war viel ruhiger. Sie wirkte erleichtert. Man konnte sehen, dass etwas in ihr wieder an seinen Platz gefunden hat.

Sie sagte mehrmals:

„Danke, dass du mir das so klar gezeigt hast.“

Sie war glücklicher.
Sie war befreit von ihren Ängsten.

Und vor allem hatte sie wieder dieses Gefühl, das sie früher so gut kannte. Das Gefühl, wieder sie selbst zu sein: erfolgreiche Top-Managerin. Und ich denke, das ist eines der größten Ergebnisse, die man in nur einer einzigen Stunde erreichen kann.

***

Viele Menschen glauben, dass sie zuerst perfekte Grammatik lernen müssen, um sicher zu kommunizieren. Doch echte Kommunikationskompetenz entsteht nicht nur durch Sprache. Sie entsteht durch Präsenz, Klarheit, Struktur der Gedanken und die Fähigkeit, eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Genau daran arbeiten wir im Kurs „Sichere Kommunikation“: Menschen dabei zu unterstützen, nicht nur Deutsch zu lernen, sondern auf Deutsch wirklich sie selbst zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert