Wie Olivia* lernte, ihre starke Persönlichkeit auch auf Deutsch zu zeigen – und warum die letzten beiden Live-Calls aus einem guten Grund nicht mehr stattfanden.
*Name zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Als unsere Zusammenarbeit begann, hatte Olivia bereits eine lange berufliche Laufbahn hinter sich. Sie hatte 20 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet, sehr viel erreicht, ein großes Team geleitet und war die beste regionale Managerin gewesen. Sie hatte Geld, Macht, Verantwortung und eine klare berufliche Position. Sie wusste, was sie kann, wie sie Menschen führt und wie sie ihre Ziele erreicht.
In Deutschland fühlte sie sich jedoch plötzlich ganz anders. Sie sagte, dass ihr Niveau hier viel niedriger sei. Dabei waren ihre Erfahrungen, ihre Fähigkeiten und ihre starke Persönlichkeit nicht verschwunden. Aber sie konnte all das auf Deutsch noch nicht so zeigen, wie sie es aus ihrem früheren Berufsleben gewohnt war.
Wenn die Sprache plötzlich über den eigenen Wert entscheidet
Unsere Zusammenarbeit war ursprünglich für drei Monate mit sechs Live-Calls geplant. Wir wollten an spontaner Sprache, klaren Formulierungen, Telefonaten, Argumentation und professioneller Kommunikation arbeiten. Für den letzten Monat war auch ein Bewerbungstraining vorgesehen, denn Olivia ging zunächst davon aus, dass sie sich bei einem Pharmaunternehmen bewerben würde.
Im ersten Live-Call wollte ich deshalb zunächst erfahren, welche beruflichen Ziele Olivia hatte. Oder genauer gesagt: Mir ging es nicht nur darum, diese Ziele zu erfahren. Ich wollte hören, wie sie formuliert, wie sie ihre Gedanken aufbaut, an welchen Stellen Pausen entstehen und wie sie während des Erzählens wirkt. Auf diese Weise wollte ich verstehen, wo ihre Schwierigkeiten tatsächlich liegen.
Olivia antwortete nicht einfach mit zwei oder drei kurzen Sätzen. Sie begann ruhig, langsam und fast philosophisch über Erfolg, ihre Werte und ihre berufliche Vergangenheit zu sprechen. Ihre Antwort wurde zu einer kleinen Geschichte. Dabei wurde sehr schnell ein innerer Konflikt sichtbar, der sie zu diesem Zeitpunkt stark beschäftigte.
Einerseits wusste Olivia, dass sie im Pharmaunternehmen arbeiten und dort Geld verdienen könnte. Sie kannte diesen Bereich, hatte sehr viel Erfahrung und wusste, dass sie diese Arbeit fachlich bewältigen würde. Gleichzeitig war es nicht das, was sie wirklich wollte. Sie sagte ganz offen, dass sie dort wahrscheinlich weiterarbeiten würde, aber ohne Freude und ohne das Gefühl, wirklich das Richtige zu tun.
In Wirklichkeit wollte sie Osteopathie lernen und anschließend als Osteopathin arbeiten. Sie wollte sich im medizinischen Bereich weiterentwickeln, anderen Menschen helfen und eine Tätigkeit ausüben, die ihr auch persönlich ein gutes Gefühl gab. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nicht direkt in dieses berufliche Feld wechseln. Sie wusste, dass sie zuerst Geld verdienen musste.
Wir betrachteten die Arbeit im Pharmaunternehmen deshalb zunächst als mögliche Übergangsphase. Olivia konnte dort für eine begrenzte Zeit arbeiten und Geld verdienen. Parallel dazu konnte sie ihre Sprachkenntnisse und ihre Kommunikationskompetenz weiterentwickeln und Osteopathie lernen, um Schritt für Schritt in das berufliche Feld zu wechseln, in dem sie tatsächlich arbeiten wollte.
Genau mit diesem inneren Konflikt begann unsere Zusammenarbeit.
Sie wollte mehr Grammatik. Eigentlich suchte sie Sicherheit
Im Gespräch über Erfolg und darüber, wodurch Olivia sich stark und kompetent fühlte, kam sie auf eine Erfahrung aus ihrer Kindheit. In der Schule war sie immer sehr gut vorbereitet. Sie wusste häufig mehr als die anderen und es bereitete ihr Freude, ein Vorbild zu sein.
Sie sagte:
„Wenn ich mehr wusste als die anderen, fühlte ich mich besser.“
Genau an dieser Stelle wurde deutlich, dass Wissen für Olivia schon damals nicht nur Wissen bedeutete. Es gab ihr Sicherheit und das Gefühl, stark, kompetent und von anderen anerkannt zu sein.
Somit hatte ihr Wunsch, noch mehr Grammatik zu lernen und noch mehr Wörter zu kennen, nicht nur mit der Sprache zu tun. Grammatik und Wortschatz waren also nicht das eigentliche Ziel. Sie waren ein Mittel, mit dem Olivia versuchte, wieder dieses vertraute Gefühl von Stärke, Sicherheit und Anerkennung zu erreichen.
Als wir diesen Zusammenhang gemeinsam herausarbeiteten, fragte sie:
„Warum habe ich das früher nicht verstanden?“
Für mich ging es dabei nicht darum, ihre Vergangenheit zu problematisieren oder sofort nach möglichen Traumata zu suchen. Es ging um ihre aktuellen Bedürfnisse: Wie möchte sie sich in einem Gespräch fühlen? Wie möchte sie wahrgenommen werden? Was braucht sie, damit ihre vorhandene Kompetenz auch auf Deutsch wieder sichtbar wird?
Ich zeigte ihr, dass Kommunikation nicht nur aus korrekter Grammatik und einem großen Wortschatz besteht. Während unseres Gesprächs hatte sie bereits etwas sehr Wichtiges gemacht: Sie hatte mit ihrer Stimme, ihrem Tempo und ihrer Art zu erzählen eine ruhige und angenehme Wirkung erzeugt.
Gerade im medizinischen Bereich kann diese Fähigkeit sehr wertvoll sein. Wenn ein Mensch Angst hat, sich in einer ungewohnten Situation befindet oder unter Stress steht, reichen fachlich korrekte Informationen allein nicht aus. Es braucht jemanden, der Ruhe ausstrahlt, Informationen strukturiert vermittelt und dem Gegenüber das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden. Genau diese Fähigkeit brachte Olivia bereits mit.
Am Ende unseres ersten Gesprächs wirkte sie ruhiger und entspannter. Sie sagte:
„Danke, dass du mir das so klar gezeigt hast.“
Der wichtigste Effekt dieses ersten Live-Calls war deshalb noch nicht sprachlich. Es war die Erkenntnis, dass ihre Persönlichkeit und ihre berufliche Kompetenz nicht mit ihrem aktuellen Deutschniveau gleichzusetzen waren. Die starke Frau, die 20 Jahre lang erfolgreich gearbeitet und große Verantwortung getragen hatte, war nicht verschwunden. Sie brauchte keine neue Persönlichkeit. Sie brauchte einen Zugang zu ihrer bereits vorhandenen Stärke – jetzt auch auf Deutsch.
Wenn jeder Satz richtig ist und die Sprache trotzdem nicht lebt
Im zweiten Live-Call zeigte sich ein weiteres wichtiges Thema. Schriftlich konnte Olivia ihre Gedanken klar, logisch und verständlich formulieren. Sie wusste, was sie sagen wollte, und konnte Situationen gut beschreiben.
Beim Sprechen klangen ihre Sätze jedoch häufig technisch. Es war, als würde sie einzelne Wörter wie Perlen auf eine Schnur aufreihen. Die Sätze waren korrekt, viele sogar sehr komplex. Die Information kam an, aber ihre Emotion, ihre Haltung und ihre Absicht blieben außerhalb der Sprache.
Wir konzentrieren uns beim Deutschlernen häufig nur auf ein Ziel der Kommunikation: Informationen weiterzugeben. Wir möchten einen korrekten Satz bilden und hoffen, dass unser Gegenüber ihn versteht.
Kommunikation hat aber noch ein zweites Ziel: Wir wollen eine Wirkung erzeugen. Wir möchten jemanden beruhigen, überzeugen, zum Lachen bringen oder zeigen, dass uns etwas wichtig ist. Dafür brauchen wir nicht unbedingt kompliziertere Wörter. Wir müssen verstehen, wie Intonation, Betonung, Tempo und Emotion die Wirkung eines Satzes verändern.
Wir nahmen einen sehr einfachen Inhalt:
„Am Montag war ich in der Schule, am Dienstag war ich im Einkaufszentrum und gestern war ich bei der Arbeit.“
Olivia sprach denselben Satz neutral, emotional, in Eile, spielerisch, ernst und so, als würde sie mit einem Kind sprechen. Die Information blieb jedes Mal gleich. Trotzdem entstand jedes Mal eine andere Wirkung.
Sie begann damit, Sprache nicht nur als ein System aus Regeln zu betrachten, sondern sie wirklich zu erleben.
Manchmal fehlen nicht die Sprachkenntnisse, sondern die Reihenfolge im Kopf
In diesem Live-Call wurde auch sichtbar, warum Olivia manchmal langsam sprach. Auf den ersten Blick hätte man vermuten können, dass ihr Wörter oder grammatische Strukturen fehlten.
Das eigentliche Problem lag an einer anderen Stelle. Während sie sprach, musste sie sich zunächst erinnern, was sie an den einzelnen Tagen gemacht hatte. Gleichzeitig versuchte sie, diese Informationen zu ordnen und daraus deutsche Sätze zu bilden.
Sie musste also drei Aufgaben gleichzeitig erledigen: sich erinnern, strukturieren und formulieren.
Die Lösung war überraschend einfach. Wir notierten drei kurze Stichpunkte:
- Montag: Schule.
- Dienstag: Einkaufszentrum.
- Mittwoch: Arbeit.
Plötzlich war die Reihenfolge im Kopf klar. Olivia musste während des Sprechens nicht mehr überlegen, welches Ereignis als Nächstes kam. Sie konnte ihre Aufmerksamkeit auf die Formulierung richten und dadurch schneller und sicherer sprechen.
Spontanität bedeutet nicht, ohne jede Vorbereitung und vollkommen ungeordnet zu sprechen. Spontanität braucht Struktur. Manchmal spricht ein Mensch nicht deshalb langsam, weil er zu wenig Deutsch kann, sondern weil er gleichzeitig versucht, seine Gedanken zu ordnen und in eine Fremdsprache zu übersetzen.
Warum Olivia sich im Sprachcoaching wirklich umdrehen musste
Wir verbanden die Sprache außerdem bewusst mit einer körperlichen Handlung. Beim Verb „sich umdrehen“ bat ich Olivia, sich tatsächlich umzudrehen.
Ich fragte:
„Was machst du?“
Sie antwortete:
„Ich drehe mich um.“
Danach wiederholte sie die Bewegung und ich fragte:
„Was hast du gemacht?“
„Ich habe mich umgedreht.“
Durch diese kleine Übung wurden vorhandene Unsicherheiten im Perfekt sofort sichtbar. Gleichzeitig entstand eine reale Verbindung zwischen der grammatischen Form, der Bewegung, dem Bild und dem körperlichen Erleben.
Genau das meine ich mit „Deutsch leben“. Eine grammatische Struktur wird nicht nur theoretisch gebildet. Sie wird mit einer Handlung und einer konkreten Situation verbunden, mit Emotionen und Gefühlen. Dadurch bekommt sie eine Bedeutung, die unser Gehirn nicht nur versteht, sondern auch erlebt.
Sprache ist kein isoliertes System, das ausschließlich im Kopf stattfindet. Wir sprechen mit dem ganzen Körper, mit unserer Stimme, unseren Emotionen und unseren inneren Bildern.
„Ich kann die Realität ein bisschen vorprogrammieren“
Im dritten Live-Call arbeiteten wir mit dem Vier-Ohren-Modell. Wir analysierten, wie eine Aussage auf der Sachebene, der Selbstkundgabe, der Beziehungsebene und der Appellebene gemeint und verstanden werden kann.
Dabei erkannte Olivia eine Fähigkeit wieder, die sie bereits seit ihrer Kindheit intuitiv nutzte. Sie sagte:
„Ich kann die Realität ein bisschen vorprogrammieren und vorhersagen, was im Gespräch passiert.“
Dahinter steckte keine Magie. Olivia bereitete vor wichtigen Gesprächen nicht die Realität vor, sondern sich selbst. Sie spürte, welches Ziel sie hatte, stellte sich innerlich auf die Situation ein, wählte ihre Worte und konnte häufig einschätzen, wie ihr Gegenüber reagieren würde.
Genau dadurch beeinflusste sie den Verlauf des Gesprächs.
Was früher intuitiv funktioniert hatte, bekam nun eine klare Struktur. Olivia konnte ihre eigene kommunikative Kompetenz plötzlich benennen und bewusst analysieren. Sie verstand besser, warum bestimmte Gespräche erfolgreich verliefen, wie Missverständnisse entstehen und wie der innere Zustand eines Menschen beeinflusst, wie eine Aussage verstanden wird.
Im zweiten Teil des Gesprächs arbeiteten wir an ihren Stärken. Auch hier ging es nicht darum, einfach eine Liste positiver Eigenschaften aufzuschreiben. Eine Aussage wie „Ich lese gern“ sagt zunächst wenig über einen Menschen aus. Interessant wird sie erst, wenn wir weiterfragen: Warum lese ich gern? Was kann ich dadurch? Welche Fähigkeit zeigt sich darin? Wie kann mir diese Fähigkeit im Beruf oder in meiner Kommunikation helfen?
Auf diese Weise begann Olivia, in ganz alltäglichen Handlungen Kompetenzen zu erkennen, die sie vorher nicht bewusst als eigene Stärken wahrgenommen hatte. Auch hier musste nichts künstlich erzeugt werden. Vieles war längst vorhanden. Es musste nur sichtbar und bewusst zugänglich werden.
Wenn die Sätze stimmen, der Smalltalk aber trotzdem nicht echt klingt
Im vierten Live-Call beschäftigten wir uns mit Smalltalk. Olivia hatte ihre Aufgaben sehr gut bearbeitet. Sie hatte passende Formulierungen gefunden, eigene Beispiele gebildet und alles sauber in ihr Heft geschrieben. Inhaltlich war alles da.
Als ich sie jedoch bat, ihre Beispiele auszusprechen, begann sie einfach vorzulesen. Die Sätze waren sprachlich korrekt, aber sie klangen trocken und unnatürlich. Es war nicht zu spüren, mit wem sie gerade sprach, in welcher Situation sie sich befand und was sie mit ihrer Aussage ausdrücken wollte.
Ich bat sie deshalb, nicht mehr auf ihr Heft zu schauen, sondern sich vorzustellen, dass sie tatsächlich auf einer Party ist. Sie sollte nicht einfach einen Satz wiederholen, sondern zuerst die konkrete Situation innerlich sehen: Wo befindet sie sich? Wer steht vor ihr? Was ist gerade passiert? Welche Emotion empfindet sie? Und welche Wirkung möchte sie mit ihrer Aussage erzeugen?
Wir nahmen drei sehr einfache Sätze:
„Wow, eine sehr schöne Party.“
„Cool, eine echt gute Party.“
„Mir gefällt die Party.“
Auf den ersten Blick drücken alle drei Sätze fast dieselbe Information aus: Die Party gefällt mir. Trotzdem können sie in vollkommen unterschiedlichen Situationen entstehen und eine ganz andere Wirkung haben.
Beim ersten Satz stellten wir uns vor, dass Olivia gerade auf der Party ankommt. Der Gastgeber öffnet ihr die Tür, sie betritt den Raum, schaut sich um und sieht die Dekoration, die vielen Gäste und die gesamte Atmosphäre. Sie ist wirklich positiv überrascht. Vielleicht bleibt sie sogar für einen kurzen Moment stehen und sagt:
„Wow, eine sehr schöne Party.“
Das „Wow“ entsteht aus einer echten Emotion. Es zeigt Überraschung, Begeisterung und Bewunderung. Die Stimme klingt lebendiger, vielleicht auch etwas höher. Der Blick wandert durch den Raum. Der Satz wird nicht einfach ausgesprochen, weil Olivia weiß, dass man dem Gastgeber ein Kompliment machen sollte. Er entsteht aus dem Moment heraus.
Danach nahmen wir den zweiten Satz:
„Cool, eine echt gute Party.“
Hier stellten wir uns eine andere Situation vor. Olivia ist schon eine Weile auf der Feier. Sie hat sich umgesehen, vielleicht bereits mit einigen Menschen gesprochen und etwas getrunken. Eine Kollegin oder ein anderer Gast fragt sie ganz locker:
„Und, wie gefällt dir die Party?“
Olivia antwortet entspannt:
„Cool, eine echt gute Party.“
Die Emotion ist hier nicht mehr diese erste große Überraschung. Der Satz klingt ruhiger, lockerer und unkomplizierter. Olivia muss nichts besonders stark betonen oder darstellen. Sie befindet sich bereits mitten in der Situation und gibt eine ehrliche, entspannte Rückmeldung. Die gleiche positive Bewertung wird auf eine vollkommen andere Art ausgedrückt.
Beim dritten Satz veränderten wir die Situation noch einmal:
„Mir gefällt die Party.“
Jemand kommt auf Olivia zu, hält ihr ein Glas Sekt hin und fragt vielleicht mit einem Lächeln:
„Möchtest du auch ein Glas?“
Sie nimmt das Glas, schaut die Person an und sagt:
„Danke. Mir gefällt die Party.“
In diesem Moment kann der Satz viel mehr ausdrücken als nur eine Bewertung der Feier. Vielleicht sprechen beide etwas langsamer. Der Blickkontakt dauert ein wenig länger. In der Stimme liegt Interesse und zwischen den beiden entsteht eine kleine Spannung – vielleicht sogar ein leichter Flirt. Es läuft eine gewisse Energie zwischen den Menschen.
Olivia kann mit dem Satz tatsächlich die Party meinen. Gleichzeitig kann ihr Gegenüber aber spüren, dass ihr nicht nur die Feier gefällt, sondern auch dieser konkrete Moment und möglicherweise die Person, mit der sie gerade spricht. Die eigentliche Wirkung entsteht durch ihren Blick, ihre Stimme, ihr Tempo, ihre Haltung und die Emotion, die sie in diesem Augenblick erlebt.
Genau das haben wir trainiert. Olivia sollte die Sätze nicht einfach mehrmals wiederholen und versuchen, künstlich eine andere Intonation daraufzusetzen. Sie sollte zuerst die jeweilige Situation innerlich sehen, sich in sie hineinversetzen, die passende Emotion spüren und erst danach sprechen. Denn die Intonation entsteht nicht unabhängig von der Situation. Sie folgt unserer Wahrnehmung, unserer Haltung und unserer Absicht.
Das ist reale Kommunikation. Wir sprechen nicht mit vorbereiteten Formulierungen in einen leeren Raum. Wir sprechen mit einem konkreten Menschen, reagieren auf seinen Blick, seine Stimme und seine Haltung und nehmen die gesamte Situation wahr. Dabei wird die Energie eines Menschen häufig viel stärker wahrgenommen als die eigentliche Formulierung.
Smalltalk besteht deshalb nicht daraus, möglichst viele passende Sätze auswendig zu lernen. Entscheidend ist, ob wir die Situation erleben, auf den Menschen vor uns reagieren und mit unserer Stimme, unserer Mimik und unserem Körper zeigen können, was wir wirklich empfinden.
Erst als Olivia begann, diese Situationen nicht nur zu denken, sondern tatsächlich innerlich zu erleben, wurde auch ihre Sprache lebendiger.
Warum die letzten beiden Live-Calls nicht mehr stattfanden
Unsere gemeinsame Arbeit war auf drei Monate und sechs Live-Calls ausgelegt. Nach zwei Monaten mussten jedoch die letzten beiden Gespräche abgesagt werden, weil sich Olivias berufliche Situation vollständig verändert hatte.
Sie erhielt einen Bildungsgutschein im fünfstelligen Euro-Wert für eine 18-monatige Vollzeitausbildung.
Diese Möglichkeit war alles andere als selbstverständlich. Nach Olivias Aussage waren die finanziellen Mittel zu diesem Zeitpunkt so stark gekürzt worden, dass das Jobcenter grundsätzlich praktisch niemandem etwas finanzierte. Selbst eine Finanzierung von Deutschkursen war kaum möglich. Vor diesem Hintergrund war ein Bildungsgutschein in dieser Höhe ein besonders bedeutendes Ergebnis.
Olivia hatte sich diese Möglichkeit erkämpft. Sie war dabei nicht allein, sondern wurde von zwei Beratern begleitet. Trotzdem spielten ihre eigenen Kompetenzen eine enorme Rolle: ihre Ausdauer, ihre Fähigkeit, Situationen zu analysieren, ihre berufliche Zielsetzung klar zu vertreten und mit verschiedenen Menschen zu kommunizieren.
Ich möchte an dieser Stelle keine künstliche Verbindung herstellen und behaupten, Olivia habe den Bildungsgutschein aufgrund unseres Coachings erhalten. Aber während unserer Zusammenarbeit wurde sehr deutlich, wie viel berufliche und kommunikative Kompetenz bereits in ihr vorhanden war. Und genau diese Kompetenzen brauchte sie auch, um gemeinsam mit ihren Beratern eine Möglichkeit durchzusetzen, die unter den damaligen Bedingungen kaum erreichbar schien.
Durch den Beginn der Vollzeitausbildung konnte Olivia die beiden letzten Live-Calls zeitlich nicht mehr wahrnehmen. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie das Programm vollständig abbrach. Sie behielt den Zugang zu den Videomaterialien und wollte mit ihnen selbstständig weiterarbeiten – dann, wenn ihr intensiver Ausbildungsalltag ihr dafür Zeit ließ.
Manchmal verändert sich nicht nur die Sprache, sondern der ganze Plan
Ursprünglich wollten wir uns im letzten Monat intensiv auf Bewerbungen und berufliche Gespräche im Pharmaunternehmen vorbereiten. Wir wollten Telefonate simulieren, Argumentationsstrukturen trainieren und an ihrer professionellen Wirkung arbeiten.
Dazu kam es nicht mehr, weil Olivia dieses Bewerbungstraining nicht mehr brauchte. Der Plan, den wir am Anfang entwickelt hatten, entsprach plötzlich nicht mehr ihrem Leben.
Das ist keine klassische Erfolgsgeschichte, in der ein Mensch nach drei Monaten alle geplanten Aufgaben abgeschlossen hat und nun angeblich vollkommen frei und fehlerlos Deutsch spricht. Olivia nahm an vier von sechs geplanten Live-Calls teil. Wir haben nicht alle vorgesehenen Themen bearbeitet. Ihre Geschichte ist aus einem anderen Grund besonders.
Eine Frau, die sich in Deutschland viel kleiner fühlte als in ihrem früheren Berufsleben, begann wieder zu erkennen, dass ihre Persönlichkeit, ihre Erfahrung und ihre kommunikative Intuition weiterhin vorhanden waren. Sie verstand, dass ihr Wert nicht von ihrem aktuellen Deutschniveau abhängt. Und während dieser Prozess stattfand, öffnete sich für sie eine berufliche Möglichkeit, die viel stärker ihren eigentlichen Wünschen und Werten entsprach als der ursprünglich geplante Übergangsjob.
Genau darum geht es auch in meiner Arbeit. Ich möchte einen Menschen nicht einfach mit noch mehr Grammatik, Wortschatz und fertigen Sätzen füllen. Ich möchte verstehen, was ihn im Gespräch tatsächlich blockiert, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind und wie wir diese Fähigkeiten mit der deutschen Sprache verbinden können.
Denn 20 Jahre Berufserfahrung verschwinden nicht nach dem Überqueren einer Grenze. Eine starke Persönlichkeit wird nicht schwächer, nur weil sie für einen deutschen Satz manchmal länger braucht. Manchmal muss ein Mensch sich nicht vollkommen neu erschaffen. Manchmal braucht seine vorhandene Erfahrung einfach eine Stimme in einer neuen Sprache.
Erkennst du dich in dieser Geschichte wieder?
Vielleicht hast auch du viel Erfahrung und weißt genau, was du kannst. Trotzdem gelingt es dir auf Deutsch noch nicht immer, deine Persönlichkeit, deine Gedanken und deine Kompetenz so zu zeigen, wie du es möchtest. Genau daran arbeiten wir im Programm „Sichere Kommunikation 2.0“: an passenden Formulierungen, deiner Wirkung, deiner inneren Sicherheit und deiner Fähigkeit, Gespräche bewusst zu führen.

Tatiana Heinbuch
Diplomierte Sprachcoachin, Kommunikations- und Marketingexpertin, Buchautorin.
Seit über zwölf Jahren begleitet sie Nicht-Muttersprachler:innen, darunter internationale Fach- und Führungskräfte renommierter Unternehmen und Institutionen, dabei, ihre vorhandenen Deutschkenntnisse in beruflichen und alltäglichen Gesprächssituationen sicher und authentisch einzusetzen. Ihre Arbeit verbindet Sprache, Denken und innere Haltung. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, eigene Gedanken klar zu formulieren, die persönliche Wirkung bewusst zu gestalten und auch auf Deutsch als ganze Persönlichkeit sichtbar zu werden.


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