Du sitzt am Telefon und möchtest einen Termin verschieben. Du hast diesen Satz schon mehrmals gesagt. Auch das entscheidende Wort kennst du: verschieben. Doch genau in dem Moment, in dem die andere Person wartet, ist es nicht da. Du beginnst noch einmal, suchst innerlich weiter und hörst gleichzeitig, dass dein Satz immer unsicherer klingt. Schließlich wechselst du zu einem allgemeineren Wort, entschuldigst dich oder brichst den Gedanken ganz ab. Nach dem Telefonat fällt dir verschieben sofort wieder ein. Und dann kommt häufig die falsche Schlussfolgerung: „Ich muss meinen Wortschatz noch intensiver erweitern.“ Dabei zeigt diese Situation zunächst nur, dass du das Wort in diesem Moment nicht schnell genug abrufen konntest. Das ist nicht dasselbe, wie ein Wort nicht zu kennen.

Wenn dir beim Deutschsprechen ein bekanntes Wort fehlt, ist es häufig im Gedächtnis vorhanden, aber unter den aktuellen Bedingungen nicht schnell genug abrufbar. Beim spontanen Sprechen müssen Gedankenplanung, Wortabruf, Satzbau, Aussprache und die Reaktion auf dein Gegenüber fast gleichzeitig funktionieren. Zeitdruck, starke Selbstkontrolle, wenig produktive Erfahrung mit dem konkreten Wort oder eine zu feste Verbindung zur Übersetzung können den Zugriff zusätzlich erschweren.

Das bedeutet nicht automatisch, dass dein Wortschatz zu klein ist oder dein Deutsch nicht ausreicht. Entscheidend ist, ob du das Wort nur wiedererkennst oder ob du es in unterschiedlichen echten Situationen selbstständig verwenden kannst.

Ein Wort kennen heißt noch nicht, es spontan abrufen zu können

Beim lexikalischen Abruf wird aus einer beabsichtigten Bedeutung ein passendes Wort ausgewählt und seine lautliche Form für das Sprechen verfügbar gemacht. Du weißt also zuerst, was du meinst, und musst anschließend in sehr kurzer Zeit auf die sprachliche Form zugreifen.

Genau deshalb kannst du ein Wort beim Lesen sofort verstehen und dich aber im Gespräch nicht darauf erinnern. Wiedererkennen und selbstständiges Produzieren stellen nicht dieselben Anforderungen. Untersuchungen zu sogenannten Tip-of-the-Tongue-Zuständen zeigen außerdem, dass das vorübergehende Gefühl „Ich kenne das Wort, aber ich komme nicht darauf“ auch bei mehrsprachigen Menschen vorkommt und mit dem Abruf der Wortform zusammenhängt. Einzelne Studien finden solche Zustände bei bilingualen Sprecher:innen häufiger; daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass jede Schwierigkeit bei der Suche nach einem bestimmten Wort allein durch Mehrsprachigkeit entsteht.

Für die Praxis ist ein anderer Punkt wichtiger: Das fehlende Wort ist nicht automatisch verloren. Es fehlt zunächst ein schneller und belastbarer Weg von deiner konkreten Gesprächssituation zu diesem Wort.

Warum bekannte Wörter gerade im Gespräch fehlen können

1. Du hast das Wort häufiger erkannt als selbst verwendet

Vielleicht hast du „verschieben“ in E-Mails gelesen, in einer Vokabelliste gelernt oder in einem Podcast verstanden. Dadurch wird es dir vertraut. Im Telefonat musst du es jedoch ohne Vorlage selbst auswählen, in einen Satz einbauen und aussprechen. Wenn du genau diesen produktiven Zugriff selten geübt hast, kann das Wort im passiven Wortschatz bleiben.

Spezielle Übungen können das Behalten und den produktiven Zugriff auf fremdsprachliche Wörter unterstützen. Die Forschung zeigt allerdings kein simples „je öfter in einer Sitzung, desto besser“ für jede Aufgabe. Lernrichtung, zeitliche Verteilung, Sprachniveau und die Art des Tests spielen eine Rolle. Deshalb reicht es nicht, ein Wort mechanisch zehnmal zu wiederholen. Es sollte in mehreren persönlich relevanten Situationen aktiv abgerufen werden.

In dieser Anleitung bekommst du genaue Erklärung, wie solche Übungen aussehen und woraf du dabei achten sollst.

2. Du suchst zuerst nach der Übersetzung statt nach einer sprechbaren Lösung

Wenn du einen bereits fertig formulierten Satz aus deiner Muttersprache innerlich ins Deutsche übertragen möchtest, suchst du oft nicht nur nach einer Bedeutung. Du suchst nach einem möglichst genauen deutschen Gegenstück. Fehlt genau dieses eine Wort, bleibt der gesamte Satz stehen.

Beim spontanen Sprechen ist es oft hilfreicher, von der Bedeutung auszugehen: Was soll die andere Person jetzt verstehen? Für „verschieben“ könnten das zum Beispiel die Bedeutungen „der Termin passt nicht“, „ich könnte an einem anderen Tag“ und „können wir einen neuen Termin vereinbaren?“ sein. Jede dieser Bedeutungen lässt sich ausdrücken, auch wenn das gewünschte Verb gerade nicht verfügbar ist.

3. Du kontrollierst gleichzeitig Wortwahl, Grammatik und Wirkung

In einem wichtigen Gespräch möchtest du nicht nur verstanden werden. Du möchtest kompetent, höflich und professionell wirken. Während du nach dem Wort suchst, prüfst du vielleicht gleichzeitig den Artikel, die Satzstellung und die Reaktion deines Gegenübers. Diese zusätzliche Selbstbeobachtung kann die Formulierung erschweren. Sie ist aber nicht bei jeder Person und in jeder Situation die Hauptursache.

Ein hilfreiches Signal ist der Vergleich: Fehlen dir dieselben Wörter auch beim Schreiben? Oder nur beim Sprechen, besonders am Telefon, im Meeting oder gegenüber einer Autoritätsperson? Je genauer du die Situation beobachtest, desto gezielter kannst du trainieren.

In diesem Video habe ich erklärt, wie du am besten trainierst, um spontan und fließend sprechen zu können.

Ein Beispiel aus meiner Coachingpraxis

Eine Teilnehmerin konnte das Verb „gelingen“ sofort verstehen. Wenn sie es las oder hörte, war seine Bedeutung klar. Im freien Gespräch erschien es jedoch nicht von selbst. Ihre bisherige Lernerfahrung beschrieb sie sinngemäß so: gelernt, auswendig gelernt, wieder vergessen – und anschließend Angst bekommen.

Im Coaching behandelten wir „gelingen“ deshalb nicht isoliert. Zuerst entstand ein einfacher Satzkern: „Das Gespräch ist mir gelungen.“ Danach wurde derselbe Kern mit ihrem echten Leben verbunden:

  • „Das Telefonat ist mir heute besser gelungen.“
  • „Mir ist es gelungen, ruhig zu bleiben.“
  • „Obwohl ich aufgeregt war, ist es mir gelungen, meine Frage zu stellen.“
  • „Beim nächsten Mal möchte ich, dass mir der Einstieg schneller gelingt.“

Die beobachtbare Veränderung war zunächst nicht, dass das Wort ab diesem Moment in jedem Gespräch automatisch erschien. Sie hatte aber mehrere abrufbare Satzmuster und konnte die Bedeutung mit konkreten Situationen verbinden. Gleichzeitig begann sie, morgens im Büro bewusster Telefonate anzunehmen, statt spontane Kommunikation automatisch zu vermeiden. Das ist ein wichtiger Zwischenschritt: aus einem Wort im passiven Wortschatz wird ein Wort, das man im echten Leben tatsächlich nutzt.

Sprachliches Vorher und Nachher: Nicht auf ein einziges Wort warten

Vorher: „Ich möchte unseren Termin … äh … ich weiß das Wort gerade nicht … anders machen.“

Die Sprecherin sucht nach „verschieben“. Da sie ihren ganzen Satz an dieses Verb gebunden hat, gerät auch die Aussage ins Stocken.

Sprechbare Versionen:

  • „Der Termin am Donnerstag passt mir leider nicht mehr. Können wir einen anderen Termin vereinbaren?“
  • „Ich würde gern einen neuen Termin mit Ihnen abstimmen.“
  • „Könnten wir das Gespräch nächste Woche führen?“
  • „Mir fehlt gerade das passende Wort. Ich meine: Können wir uns an einem anderen Tag treffen?“

Keine dieser Varianten ist nur eine Notlösung. Umschreiben, neu ansetzen und die eigene Aussage reparieren gehören zur kommunikativen Kompetenz. Auch der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen beschreibt Kompensations- und Reparaturstrategien als Teil sprachlichen Handelns.

Übung: 60 Sekunden ohne das Schlüsselwort

Ziel: Du trainierst, eine Bedeutung auch dann zu Ende auszudrücken, wenn dir das naheliegende Wort fehlt.

Geeignete Situation: Ein bevorstehendes Telefonat, Meeting, Arztgespräch oder Alltagsgespräch, in dem du ein bestimmtes Wort wahrscheinlich brauchst.

Dauer: Etwa 8 bis 10 Minuten.

Material: Smartphone mit Sprachaufnahme und drei Schlüsselwörter aus deinem eigenen Alltag.

Ablauf:

  1. Wähle ein Wort, zum Beispiel „verschieben“.
  2. Notiere drei Hinweise, ohne eine fertige Definition zu schreiben: Was passiert? Warum? Was soll die andere Person tun?
  3. Stelle einen Timer auf 60 Sekunden und erkläre die Situation laut, ohne das Schlüsselwort zu benutzen.
  4. Verwende mindestens zwei Wege: Beschreibe zuerst die Funktion oder das Ziel und nenne danach ein Beispiel.
  5. Höre dir die Aufnahme einmal an. Prüfe: Ist meine Aussage verständlich und habe ich den Gedanken beendet?
  6. Beschreibe die Situation noch einmal. Jetzt darfst du das Schlüsselwort verwenden und baust es in zwei unterschiedliche Sätze ein.
  7. Wiederhole die Aufgabe am folgenden Tag mit einer leicht veränderten Situation.

Beispiel: Das verbotene Wort ist „verschieben“. „Der vereinbarte Zeitpunkt passt mir nicht mehr. Ich brauche einen neuen Termin, möglichst in der nächsten Woche. Können wir gemeinsam einen anderen Tag finden?“

Erfolgskriterium: Eine andere Person kann nach 60 Sekunden verstehen, was du möchtest, obwohl du das Schlüsselwort nicht verwendet hast. Grammatische Perfektion ist in dieser Übung kein Erfolgskriterium.

Häufige Fehler: Du schreibst vorher einen vollständigen Text, stoppst die Aufnahme bei jedem Fehler oder suchst während der gesamten Minute weiter nach genau einem Wort. Dann trainierst du erneut Kontrolle oder Auswendiglernen, aber nicht flexibles Weitersprechen.

Leichtere Variante: Nutze drei vorbereitete Satzanfänge: „Es geht um …“, „Das Problem ist …“, „Ich möchte deshalb …“

Anspruchsvollere Variante: Lass zusätzlich ein zweites naheliegendes Wort weg oder erkläre dieselbe Situation einer Kollegin, einer Kundin und einer Freundin jeweils unterschiedlich.

Sieben Formulierungen, mit denen du sofort weitersprechen kannst

  • „Mir fehlt gerade das passende Wort. Ich meine …“
  • „Anders formuliert: … / Anders gesagt…“
  • „Es geht um eine Situation, in der …“
  • „Das ist etwas, womit man …“
  • „Ich kann mich gerade an das passende Wort nicht erinnern, aber …“
  • „Ich versuche es an einem Beispiel zu erklären.“
  • „Was ich damit sagen möchte, ist …“

Wähle nicht alle sieben Sätze auf einmal. Nimm zwei Formulierungen, die zu dir passen, und verwende sie in mehreren echten Situationen. Sie sollen nicht nur auf einer Liste stehen, sondern im Gespräch verfügbar werden.

Woran erkennst du, was du konkret trainieren solltest?

Fehlt das Wort auch beim ruhigen Schreiben und erkennst du es später nicht wieder, solltest du tatsächlich deinen Wortschatz erweitern. Verstehst du das Wort sofort, kannst es aber nicht selbst aktiv im Gespräch nutzen, brauchst du aktives Training und Aktivierung der Sprachkenntnisse. Fehlt es vor allem in wichtigen Gesprächen, lohnt sich zusätzlich ein Blick auf Zeitdruck, Selbstkontrolle und Gesprächsvorbereitung. Bricht nicht nur ein Wort, sondern die ganze Gedankenstruktur weg, sollte auch die Planung der Aussage trainiert werden. Das ist eine komplexe Arbeit und genau damit beschäftigen wir uns im Sprachcoaching.

Diese Unterschiede sind wichtig, weil mehr Vokabellernen nicht automatisch das richtige Problem löst. In meiner Arbeit beginnt Sprachcoaching deshalb mit der konkreten Situation: Wann fehlt das Wort? Was passiert direkt davor? Wie versucht die Person weiterzusprechen? Erst aus dieser Beobachtung entsteht eine passende Übung.

Fazit: Trainiere nicht nur das Wort, sondern den Weg zum Wort

Wenn dir ein bekanntes Wort im Gespräch fehlt, brauchst du nicht automatisch eine längere Vokabelliste. Du brauchst einen schnelleren Weg von einer realen Bedeutung zu mehreren möglichen Formulierungen – und die Sicherheit, auch ohne das perfekte Wort weiterzusprechen.

Nimm heute ein Wort, das dir häufig zu spät einfällt. Verbinde es mit einer bevorstehenden Situation, erkläre die Bedeutung einmal ohne dieses Wort und sprich danach zwei eigene Sätze damit. So trainierst du nicht nur Wissen, sondern sprachliche Handlungsfähigkeit.

Möchtest du herausfinden, warum du dich im Gespräch an passende Wörter nicht erinnern kannst?

Im individuellen Sprachcoaching analysieren wir nicht nur, welche Wörter oder Strukturen dir fehlen. Wir beobachten, in welchen Situationen dein Zugriff abbricht, welche Prozesse dabei gleichzeitig belastet werden und wie du deinen vorhandenen Wortschatz in echten Gesprächen aktivieren kannst. In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir, ob dein Schwerpunkt eher beim Wortabruf, bei der Automatisierung, bei der Gedankenstruktur oder bei der Gesprächssicherheit liegt.

Tatiana Heinbuch

Diplomierte Sprachcoachin, Kommunikations- und Marketingexpertin, Buchautorin.

Seit über zwölf Jahren begleitet sie Nicht-Muttersprachler:innen, darunter internationale Fach- und Führungskräfte renommierter Unternehmen und Institutionen, dabei, ihre vorhandenen Deutschkenntnisse in beruflichen und alltäglichen Gesprächssituationen sicher und authentisch einzusetzen. Ihre Arbeit verbindet Sprache, Denken und innere Haltung. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, eigene Gedanken klar zu formulieren, die persönliche Wirkung bewusst zu gestalten und auch auf Deutsch als ganze Persönlichkeit sichtbar zu werden.

Fachliche Quellen

  1. Council of Europe (2020): Common European Framework of Reference for Languages: Learning, teaching, assessment – Companion volume. https://rm.coe.int/common-european-framework-of-reference-for-languages-learning-teaching/16809ea0d4
  2. Kreiner, H. & Degani, T. (2015): Tip-of-the-tongue in a second language: The effects of brief first-language exposure and long-term use. Cognition, 137, 106–114. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2014.12.011
  3. Gollan, T. H. & Brown, A. S. (2006): From tip-of-the-tongue (TOT) data to theoretical implications in two steps: When more TOTs means better retrieval. Journal of Experimental Psychology: General, 135(3), 462–483. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16846276/
  4. Nakata, T. (2017): Does repeated practice make perfect? The effects of within-session repeated retrieval on second language vocabulary learning. Studies in Second Language Acquisition, 39(4), 653–679. https://doi.org/10.1017/S0272263116000280

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